Die Buchsammlung
Durch wessen Hände sind sie wohl einst gegangen? Die jahrhundertealten Bücher regen hier die Fantasie an. Das älteste Manuskript, das sich einst im Besitz von Plantin selbst befand, geht sogar in etwa auf das Jahr 860 zurück. Was einst als Referenzbibliothek von Plantin für seine Korrektoren begann, ist zu einer vielseitigen Sammlung mit fast 40.000 gedruckten Werken, 69.000 Einblattdrucken, rund 650 Handschriften und mehr als 15.000 Titeln Fachliteratur angewachsen.
Von der Arbeitsbibliothek zur Weltsammlung
Von Handbüchern bis zu gewichtigen Standardwerken und von Weltkarten bis zu Bibeln: Die Bibliothek ist so vielfältig, weil sie über Jahrhunderte hinweg von unterschiedlichen Persönlichkeiten erweitert wurde – jede mit eigener Motivation. Christoffel Plantin kaufte zunächst Bücher, um seine Korrektoren zu unterstützen und die Texte für gedruckte Ausgaben zu nutzen. Sein Enkel Balthasar I. Moretus war begeistert von klassischen Autoren und Werken über die Antike. Unter den späteren Leiterinnen und Leitern der Druckerei entwickelte sich die Bibliothek zu einem Wissenszentrum für Gelehrte wie Nicolas Heinsius und Franciscus Junius.
Auch nach der Umwandlung zum Museum wuchs die Bibliothek weiter. Der erste Kurator Max Rooses ergänzte die ursprünglichen Werke von Plantin und Moretus um noch fehlende Ausgaben und Materialien aus dem 16. Jahrhundert von anderen Antwerpener Drucker-Verlegern. Dank einer sorgfältigen Ankaufspolitik verfügt die Bibliothek heute über die weltweit vollständigste Sammlung von Drucken, die aus den Pressen der Officina Plantiniana hervorgegangen sind.
Alte Drucke
Von 1460 bis 1801: Die 28.000 gebundenen frühneuzeitlichen Werke umfassen vier Jahrhunderte Buchdruckgeschichte. Dazu zählen seltene Inkunabeln, Ausgaben der Officina Plantiniana und Drucke aus Antwerpener wie auch ausländischen Offizinen. Zusammen eröffnen sie einen weiten Blick auf die frühneuzeitliche Buchproduktion in einer Fülle von Genres und Themen.
1994 kam unverhofft ein Schatz hinzu: Auf dem Dachboden stießen Mitarbeitende auf einen riesigen Bestand von mehr als 68.000 Einblattdrucken und fast 12.000 ungebundenen Werken aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Einst Arbeits- und Lagerbestände, sind sie heute greifbare Quellen zum Alltag und zur Geschäftstätigkeit der Plantin-Druckerei.
Handschriften
Die mehr als 650 Handschriften gehen auf Christoffel Plantin selbst zurück. Ab 1563 sammelte er Manuskripte als Grundlage für neue Ausgaben und als Referenzmaterial für seine Korrektoren. Einer von ihnen war Theodoor Poelman, der mit großer Sorgfalt eine eigene Bibliothek aufbaute. Nach seinem Tod ging sie in Plantins Besitz über. Ab dem 17. Jahrhundert führten dessen Nachfolger diese Arbeit unermüdlich fort. Das Ergebnis? Eine Sammlung, die nicht nur die Geschichte des Buches illustriert, sondern auch das Verhältnis von Druckwerk und Handschrift sichtbar macht. Autoren und Schreiber brachten ihre ausgeschriebenen Texte in die Druckerei. Manche wurden veröffentlicht, andere blieben ungenutzt. Neben Schriften klassischer oder frühchristlicher Autoren finden sich zahlreiche Originalhandschriften bekannter Humanisten wie Justus Lipsius – bis heute von zentraler Bedeutung für die Textforschung.
Teilsammlungen
Zusätzlich zur Kernsammlung bewahrt das Museum Plantin-Moretus acht weitere Sammlungen, die durch Schenkungen, Ankäufe oder Übertragungen Teil unserer Kulturerbe-Bibliothek geworden sind.
Als glühender Bewunderer sammelte René Vandevoir das Werk des französischsprachigen Dichters Emile Verhaeren. 1965 schenkte er seine umfangreiche Sammlung dem Museum. Zuvor ließ Vandevoir die Bücher von französischen Spezialisten einbinden. So vermittelt die Sammlung zugleich ein eindrucksvolles Bild vom Niveau der Buchbindekunst im 20. Jahrhundert.
Die Sammlung von Max Horn umfasst französische Literatur vom 16. bis zum 18. Jahrhundert: Lyrik, Prosa, Theater und Sprachwissenschaft. Er suchte gezielt nach Erstausgaben und besonderen Exemplaren, oft in hervorragendem Zustand und prachtvoll gebunden. Die Besitzvermerke früherer Eigentümer, etwa des Architekten Viollet-le-Duc, geben den Bänden eine zusätzliche Note.
Nach der Auflösung des Antwerpener Naturwissenschaftlichen Museums im Jahr 1950 gelangten zahlreiche alte Drucke zur Pflanzen- und Tierkunde, Physik und Chemie in das Museum Plantin-Moretus. Die Sammlung enthält Spitzenwerke unter anderem von Rembert Dodoens und Antoni van Leeuwenhoek und dokumentiert die naturwissenschaftlichen Entwicklungen zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert.
Der Bibliophile, Senator und Bürgermeister von Wijnegem Gustave van Havre trug äußerst seltene Antwerpener Drucke zusammen. Er erwarb auch Werke aus der Bibliothek des Stadtarchivars Frederik Verachter, der seine Bücher aus Geldnot veräußern musste. Blickfang der Sammlung ist eine Studie zu Antwerpener Druckermarken.
Die Handschriften und Drucke, die Ernest Persoons zusammentrug, zeigen die Vielfalt der Klostertrachten in Europa vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Angesichts des Einflusses der Kirche auf die Gesellschaft in früheren Zeiten leistet die Sammlung einen wichtigen Beitrag zur europäischen Geschichte. Das Museum erwarb sie deshalb 2022 vollständig.
Jan Baptist Vervliet schrieb über den Antwerpener Dialekt und die volkstümliche Kultur. Daneben sammelte er Druckgrafiken, Zeichnungen und Münzen. 1925 schenkte der Bankier dem Museum Plantin-Moretus eine Reihe seltener, oft kleiner Drucke mit volkskundlichem Wert. Seine Liebe zu Sprache und Tradition spiegelt sich in dieser Auswahl bis heute wider.
Alte und moderne Typografie, Bibliothekswissenschaft, Kunst und Buchkultur stehen im Mittelpunkt der Büchersammlung, die Hendrik Vervliet dem Museum 2020 vermachte, ergänzt um sein Forschungsarchiv. Auffallend ist, dass viele Werke reiche handschriftliche Anmerkungen oder eingelegte Notizzettel enthalten. Ein Teil der Sammlung ging an das Plantin-Institut für Typografie.
Referenzbibliothek
Seit der Eröffnung 1877 sammelt das Museum Fachliteratur zur (Buch-)Druckkunst. Diese spezialisierte Sammlung unterstützt die Forschung zu Ausgaben, die in der Plantin-Druckerei gedruckt und/oder verlegt wurden, sowie zur Geschichte des Buchgewerbes. Inzwischen umfasst sie mehr als 15.000 Titel, 17 Reihen und 76 laufende Zeitschriften. Eine verlässliche Grundlage für Forschende, Studierende und Fachleute aus dem In- und Ausland.
Kontakt zum Kurator
Wer ist heute für die Büchersammlungen zuständig?