Die Archive
Wer die Geschichte von De Gulden Passer wirklich verstehen möchte, findet hier ein einzigartiges Dreigespann an Quellen: das von der UNESCO anerkannte Firmenarchiv der Officina Plantiniana, die Forschungsarchive des 20. Jahrhunderts und das seit 1877 aufgebaute Museumsarchiv. Zusammen umfassen sie Tausende Zeugnisse, Briefe, Tagebücher, Rechnungen und andere Dokumente. Sie gewähren einen tiefen Einblick in den Alltag des Hauses, der Druckerei und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner im Lauf der Jahrhunderte.
Das Plantin-Moretus-Archiv
Selten findet man ein Archiv, das so vollständig, so detailliert und zugleich so faszinierend ist wie das der Officina Plantiniana. Dank der Aufnahme in das UNESCO-Programm Memory of the World gilt es als dokumentarisches Welterbe – zu Recht. Was hier bewahrt wird, sprengt beinahe die Vorstellungskraft: 300 Jahre Buchdruckgeschichte, eingefangen in Tausenden Seiten Korrespondenz, Buchführung, Arbeitsordnungen und Beschwerdebüchern. Jedes Dokument öffnet gleichsam eine Tür in das Herz einer geschäftigen Druckerei, in der Bücher gedruckt wurden, Ideen aufeinanderprallten und sich die Welt langsam veränderte.
Dieses Archiv – ebenfalls als flämisches Spitzenstück anerkannt – ist ein Paradies für alle, die die frühneuzeitliche Geschichte ergründen möchten: von der Gegenreformation bis zum Humanismus, von sozioökonomischen Entwicklungen bis zu wissenschaftlichen Studien. Es ist eingebettet in ein dichtes Geflecht aus Familien- und Firmenarchiven der Familie Moretus und verwandter Familien. Wie behält man da den Überblick? Mithilfe des Inventaris op het Plantijnsch archief (Inventar des Plantinischen Archivs) des Historikers und ehemaligen Museumskurators Jan Denucé. Inzwischen über 100 Jahre alt, doch noch immer relevant und eine wertvolle Ergänzung zur neuen digitalen Suchumgebung.
Familienarchive
Das Archiv der Familie Schilders erzählt die Geschichte von fünf Generationen Kaufleuten – von Adriaan I. Schilders, der im 16. Jahrhundert spanische Garnisonen belieferte, bis zu Paulus Franciscus Schilders, einem wohlhabenden Privatmann des 18. Jahrhunderts. Nach dessen Tod ging das Archiv in den Besitz seiner Nichten und Neffen aus der Familie Moretus über.
Am umfangreichsten ist das Firmenarchiv des Nachkommen Henri François Schilders (ca. 1640–1680). Der geborene Geschäftsmann baute von Antwerpen aus einen europäischen Großhandel mit Luxuswaren auf: Diamanten, Seide, Spitze, bedruckte Stoffe, Zucker und sogar Tabak. Grundlage dafür war ein weit verzweigtes internationales Netzwerk mit Kontakten bis nach Peru.
Im Jahr 1950 schenkte Graf Charles Moretus-Plantin (1875–1960) seine umfangreiche Dokumentensammlung dem Museum. Der ehemalige Bürgermeister von Stabroek und entfernte Nachkomme der Druckerfamilie bewahrte unzählige Verwaltungsschriftstücke der Familien Moretus, Geelhand und De Theux auf, vor allem Unterlagen zu Immobilien in Antwerpen, Westflandern, Namur und Lüttich. Dazu gehören etwa Notariatsurkunden, Karten, Grundrisse und Baupläne. So belegen Urkunden im Archiv, dass die Familie Geelhand Eigentümer der Herrschaft Merksem und des dazugehörigen Weilers Dambrugge war.
Interessieren Sie sich für die Herkunft und Entwicklung von Schriftarten wie Times New Roman oder Arial? Dann führt kein Weg an Hendrik Désiré Louis „Dis“ Vervliet (1923–2020) vorbei. Der international anerkannte Spezialist für Typografie des 16. Jahrhunderts war mit seiner lebenslangen Leidenschaft für Schrift ein Pionier des modernen Bibliothekswesens. Sein Wirken mündete in ein beeindruckendes Forschungsarchiv. Die Fülle an Unterlagen zu frühneuzeitlichen Schriften und die 1.300 Schriftmappen bieten entscheidende Einblicke in die Sammlungen von Stempeln und Matrizen des Museums, das nicht nur Vervliets gesamtes Archiv, sondern auch seine Arbeitsbibliothek erhielt.
Das Abriebarchiv De Berderen
Wie untersucht man ein Buch, ohne es aufzuschlagen? Über seinen Einband. Genau das faszinierte Prosper Verheyden. Anfang des 20. Jahrhunderts begann er damit, sogenannte „Abriebe“ von Bucheinbänden zu sammeln: Papierabzüge von Verzierungen und Plattenstempeln auf Ledereinbänden aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Später setzten Luc Indestege und dessen Tochter Elly Cockx-Indestege dieses Lebenswerk fort.
Die einzigartige Sammlung entwickelte sich zu einem kostbaren Forschungsarchiv für die Buchbindekunst in den Niederlanden und der weiteren Region – ergänzt um Fotografien, Publikationen und Korrespondenz. 2012 übergab Elly das Abriebarchiv an das Museum. Eine stille, aber vielsagende Quelle für alle, die die Geschichte des Buches regelrecht „erspüren“ wollen.
Das Museumsarchiv
Auch ein Museum schreibt Geschichte. Seit 1876 baut das Museum Plantin-Moretus ein eigenes Archiv mit Dok über umenten zur Verwaltung, zu den Sammlungen und zum Museumsalltag auf. 1939 kam das Kupferstichkabinett hinzu.
Zu den besonderen Stücken gehören ein Dossier den Schutz wertvoller Objekte während des Zweiten Weltkriegs und die Korrespondenz des ersten Kurators Max Rooses (1840–1914), eines Rubenskenners, Schriftstellers und kulturellen Multitalents. Sein Verwaltungsarchiv ist vollständig erschlossen. Für spätere Zeiträume läuft die Inventarisierung noch. Wer dennoch ab 1914 recherchieren möchte, wendet sich am besten direkt an den Archivkurator.
Ein Klick, vier Sammlungen
Hinter den Kulissen arbeiten das Museum Plantin-Moretus, das Rubenshuis, das Literaturhaus und das Museum Mayer van den Bergh mit einem gemeinsamen Archivsystem und einer einheitlichen Terminologie für Personen, Organisationen und Orte. Dank dieser Bündelung der Kräfte lassen sich die Archive der einzelnen Museen effizient durchsuchen – mit konsistenten und verlässlichen Kontextinformationen.
Geschichten aus dem Plantin-Moretus-Archiv
Wie fanden Plantin und seine Nachfolger geeignetes Personal? Waren sie strenge Vorgesetzte? Gab es damals schon so etwas wie Arbeitsschutz? Auf welche Schulen schickte die Familie Moretus ihre Kinder? Und was schenkten sie einander zu den Festtagen? Diese und andere Fragen zu den Erlebnissen in De Gulden Passer beantwortet der Archivar und Kurator Kristof Selleslach in seinem Blog. Mit scharfem Blick und Auge fürs Detail erweckt er die Familie Moretus wieder zum Leben. Als Menschen aus Fleisch und Blut. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Sie nach der Lektüre endgültig „angefixt“ sind.
Kontakt zum Kurator
Wer betreut heute die Archive?
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Lesesaal: Hier beginnt Ihr Forschungsvorhaben
Auf der Suche nach Vertiefung? In unserem Lesesaal erhalten Sie nach vorheriger Anmeldung Zugang zu Büchern, Briefen und Karten aus der Zeit und der Welt der Familie Plantin-Moretus. Der ideale Ort für wissbegierige Geister, neugierige Forscherinnen und Forscher und alle Besucherinnen und Besucher, die sich für die Anfänge der Buchdruckkunst begeistern.